• H. Schwarzkopf

Die Sache mit der Scham


Diejenigen von uns, die vor Angst handlungsunfähig sind, werden im allgemeinen von einem noch viel älteren Feind sabotiert: der Scham. Scham ist ein Kontrollmittel. Jemanden zu bekämen ist ein Versuch, einen Menschen daran zu hindern, sich auf eine Art und Weise zu verhalten die uns peinlich ist. Ein Kunstwerk zu schaffen kann sich sehr wohl so anfühlen wie ein Familiengeheimnis zu erzählen. Es liegt in der Natur der Sache, dass man sich beim Erzählen von Geheimnissen fürchtet und schämt. Es taucht die Frage auf: „Was werden sie von mir denken, wenn sie das erst einmal erfahren haben?“ Das ist eine beängstigende Frage, besonders dann, wenn man uns wegen unserer Neugier und unserer Erforschung sozialer, sexueller und spirituellen Fragen Scham eingeimpft hat.“

(Julia Cameron)

Scham ist ein zutiefst menschliches, ein starkes und auch unangenehmes Gefühl und eines der am besten Verdrängten, in unserer Kultur.

Scham ist eine Hauptquelle für Widerstand, Verstrickungen und Projektionen. Sie isoliert uns, von uns selbst und von unseren Mitmenschen. Und spielt eine bedeutende Rolle bei Depressionen, Essstörungen, sozialer Phobie oder auch posttraumatischen Belastungsstörungen. Bewusste und vor allem unbewusste Schamkonflikte hemmen unserer Lebensenergie, unser Selbstwertgefühl und den Kontakt in intimen Beziehungen.

Scham ist zum einen ein Gefühl, das auftreten kann, wenn Menschen sich oder Aspekte von sich zeigen. Sich zeigen - vor Anderen. ( Das Interessante ist, das wir für das Aufrechterhalten unseres Schamgefühls kein wirkliches Gegenüber brauchen; dieses schaffen wir uns gedanklich selbst…Der vorgestellte Andere, mit dem Blick durch dessen Augen auf uns selbst.)

Das Schamgefühl beinhaltet den Wunsch, etwas unsichtbar zu machen, das sichtbar war oder sichtbar werden könnte. Oft ist das Aussprechen, dass man sich schämt, schon selbst mit Scham belegt. Das Gefühl von Scham hat daher große Macht, es isoliert, weil wir persönlich und auch im Kollektiv glauben, wir seien die Einzigen mit unserem „So sein“, Problem, Gedanken o.ä.. Das ist oft nicht bewusst und dahingehend verzerrt Scham die eigene Perspektive und Wahrnehmung.

Scham ist unangenehm und verschwindet durch Vermeidung erst einmal aus dem Bewusstsein. Ein interessanter Aspekt hierbei ist die vollkommene Schamlosigkeit. So gehen Menschen, die ganz besonders schamlos wirken, oft nur einen anderen Weg der Verleugnung, Kompensation oder Abspaltung. Nach außen hin wird dann ein sehr stark gegenläufiges Verhalten (schamlos) praktiziert, das über die tatsächliche Scham hinwegtäuscht.

Zum anderen bezieht sich Scham stark auf das eigene Selbst. Scham ist die Empfindung persönlichen Defizits, Wertlosigkeit oder auch Fehlerhaftigkeit. Wir sprechen dann auch von Existenzscham. “Ich bin der Fehler“.

Oft fällt es selbst schwer zu unterscheiden, ob wir uns wegen uns selbst schämen oder weil andere uns beschämen. Gerade in dieser Hinsicht ist sie im Prozess als ein wirklich weises Gefühl zu achten; sie begleitet unsere Veränderungsprozesse und ist unerlässlich zur Erhaltung bzw. zur Wiedererlangung der eigenen Würde.

Brené Brown meint, dass wir über Scham nicht sprechen wollen, ist deshalb ein Problem, weil sie mehr wird, je weniger man über sie spricht. Scham, meint Brown, brauche drei Zutaten, um sich quasi exponentiell zu vermehren: Heimlichkeit, Schweigen und Bewertung. Scham, sagt sie, sei die «stille Epidemie unserer Kultur».

Scham geht im Kern immer mit einer Infragestellung und Bedrohung der sozialen Akzeptanz und Anerkennung einher, die wir alle mehr oder weniger stark erlebt haben. Letztlich geht es also um Zugehörigkeit. Scham dient immer noch als Mittel zur Anpassung und zum Erhalt bestehender Strukturen und nichts bringt einen effektiver zum Schweigen als Scham.

In vielen Aspekten ist sie also eine unbequeme Sache und gleichzeitig eine große Chance, wenn wir wach und mitfühlend damit sind. Viele unserer inneren und zwischenmenschlichen Konflikte können mit Berücksichtigung der Scham besser verstanden und in Bewegung kommen.

Wir können uns nicht gegen Scham entscheiden, wir können sie nur vermeiden oder verdrängen. Oder eben Hinsehen und Hinfühlen - Und das geht nur im Kontakt.

Heidi Schwarzkopf



Echter Kontakt und Begleitung in Einzelsitzungen:

(Freie Termine wieder ab 6. Januar 2020)

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„Connection &Creation“ ab 18. Januar 2020

„Die Aufstellungsjahresgruppe" ab 25. Januar 2020

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